Unschuld in der SZ - Die reine Unschuld? Eine persönliche Anmerkung
von Dr. med. Ingolf Hosbach, Bochum
Eines muß man Prof. Unschuld sicher zu Gute halten: er provoziert immer mal gern. Unvergessen ist sein damaliger Auftritt auf dem TCM-Kongreß Rothenburg, als er während seines Kongreßbeitrages zur Vorstellung seines damals neu erschienenen Buches Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst Passagen vorlas, die, wie es eine Zuhörerin betitelte, die “faschistoiden” Wurzeln der TCM beschrieben (gemeint waren die neo-konfuzianischen Einflüsse der Tang-Zeit). Ich habe mich schon damals gefragt, warum Unschuld genau die Passagen vorlas, von denen zu erwarten war, dass sie der doch eher taoistisch ausgerichteten Zuhörerschaft mißfallen würden. So wurde erst auf Nachfrage eingeräumt, dass die Chinesische Medizin noch andere, z.B. taoistische Wurzeln habe. Wie passt der Autor des kongenialen Grundlagenwerkes “Medizin in China - Eine Ideengeschichte”, gefeierter Übersetzer des “Huangdi Neijing Suwen” ins Englische, Beisitzer diverser Wissenschaftsräte von renommierten Ausbildungsstätten etc. (siehe http://www.igm.med.lmu.de/mitarbeiter/unschuld.html) zu dem Mann, der sich seinerzeit von der NPA vor den Karren der “In-acht-Stunden-machen-wir-Sie-zum-vollwertigen-Akupunkteur”-Kurse spannen ließ. Der sich von der NPA zitieren läßt, die TCM beruhe im Wesentlichen auf einer Schamanen- und Dämonenmedizin (was ja prinzipiell nicht falsch, aber doch etwas kurz gegriffen und im Zusammanhang mit der NPA durchaus zu Mißverständnissen Anlass gebend ist). Wie passt das zusammen? Ist er ein Historiker, der sich gern zwischen die Stühle setzt? Oder ein Sinologe, der sich nach sicher jahrelanger und mühsamer Arbeit an staubigen chinesischen Volanten nun im Besitz der einzig wahren Wahrheit wähnt? Oder ein C4-Professor mit Publicity-Verlustängsten kurz vor der Emeritierung? Oder einfach ein notorischer Polarisateur?
Eine neue Facette in diesem Rätselraten brachte kürzlich der Artikel “Fernöstliche Heilmischung” in der Süddeutschen Zeitung vom 15.12.2007. Da werden “namhafteste chinesische Autoren”, ein Slapstick-Film von 1921 und marxistische Denker bemüht, die TCM unter anderem einen “‘jahrtausendealten Misthaufen’” zu nennen. Da wird der Eindruck erweckt, die TCM sei eine komplette Neuerfindung dunkelster Tage des Maoismus und die TCM-Propagierung eine Machenschaft der kommunistischen Diktatoren in Peking. Desweiteren habe man die TCM um ihre dem Kommunismus gefährlich erscheinenden Teile kastriert und dumbe Westler ohne chinesische Sprachkenntnisse spielten sich nun zu den neuen Gurus dieser Medizin auf. Nun entdecken angeblich die enttäuschten TCM-Jünger in China die Wahrheit hinter dieser TCM-Verschwörung und die chinesischen Rädelsführer seien emsig bemüht, diesen Coup zur systematischen Verdummung der westlichen Welt aufrecht zu erhalten. Zitat: “Aus chinesischer Sicht ist es jedoch akzeptabel, wenn in der westlichen Welt ein Teil der Intelligenz sich aus der Fortentwicklung moderner Technologie verabschiedet und somit die Position des Westens schwächt. So haben die Behörden in China die Initiative ergriffen um gegenzusteuern.” Alles klar? Das Sahnehäubchen auf dem Artikel ist zum Schluß die Aufforderung, die Homöopathie als “Traditionelle Deutsche Medizin” und eigentlich älteres Medizinsystem der TCM vorzuziehen. Frei nach dem Motto: Wenn wir uns schon verdummen, dann machen wir das selbst! Aus der Qintessenz des Artikels heraus wird verständlich, warum Unschuld in einem Leserkommentar schon auf den Gehaltslisten der Pharmaindustrie gesehen wird, was ich aber mal nicht hoffen will.
Wer auch nur oberflächliche Erfahrung mit Medien hat, weiß, dass man Dinge überspitzt formulieren sollte, damit überhaupt etwas beim Leser hängen bleibt. Unschuld hat mit diesem Artikel das Kunststück fertig gebracht, eine akademische Diskussion (die alles andere als neu ist) pointiert und lesenswert für ein Massenpublikum aufzubereiten. Doch schießt er bei diesem Unterfangen weit über das Ziel hinaus: Er stellt sich selbst als äußerst fragwürdig dar und bringt trotzdem die Chinesische Medizin in Deutschland in erheblichen Mißkredit (tägliche Auflage der SZ Q1/07 ca. 444.000 Exemplare). Als Professor für Medizingeschichte braucht man sich keine Gedanken machen um das Vertrauen von Patienten und die wirtschaftliche Existenz einiger Hundert Praxen für Chinesische Medizin. Wozu auch? Was zählt, ist der publizistische Erfolg!
Dabei ist das westlich-rationale wissenschaftliche Rüstzeug für die oben genannten Behauptungen dürftig und historisch meist aus dem Zusammenhang gerissen. Die “namhaftesten chinesischen Autoren” erweisen sich als die Literaten Lu Xun (1881-1936) und Ba Jin (1904-2005), welche in der Tat wichtige Autoren der chinesischen Literatur, aber nicht wissenschaftliche Kapazitäten darstellen. Ihr prinzipiell richtiger anti-traditionalistischer literarischer Ansatz nach Fall der Qing-Dynastie und Aufbau der Republik bzw. ihr Unmut über das spätere Regime Chiang Kai-Sheks garantieren noch lange nicht für die Richtigkeit der Aussagen, wenn es um die Behandlung beispielsweise chronischer Erkrankungen durch die Chinesische Medizin geht. Die bei der damaligen Sterblichkeit höhere Bedeutung der Behandlung akuter Erkrankungen (Infektionskrankheiten, Verletzungen etc.) hat aus damaliger kritischer Sicht sicherlich für eine relative Überlegenheit der westlichen Medizin (v.a. Chirurgie) gesprochen. Doch wer würde heute noch ernsthaft von einer Überlegenheit des Sozialismus sprechen, nur weil ein junger Berthold Brecht mal dieser Meinung war? (Vgl. Berthold Brecht nach dem 17.Juni 1953) Das wissenschaftliche Gewicht von Slapstick-Filmen und ansonsten unbedeutender Marxisten will ich gar nicht näher beleuchten. Es spricht für sich selbst.
Aber Unschuld wäre nicht Unschuld, wenn nicht ein wahrer Kern hinter einem Teil seiner Ausführungen stecken würde. Die TCM ist ohne Zweifel ein staatlich gefordertes und gefördertes Kunstprodukt: “Die Chinesische Medizin zu verachten, das ist nicht richtig. Zu behaupten, die Chinesische Medizin sei in allen Bereichen gut, oder sehr gut, ist auch falsch. Man muß die Chinesische und die Westliche Medizin vereinen” (Mao Zedong 1953). Es ist ebenso richtig, dass es bei dem Zurechtbiegen der Klassischen Chinesischen Medizin zur TCM einige gravierende Fehlentwicklungen und -entscheidungen gegeben hat. Extremstes Beispiel ist sicherlich in den 1950er Jahren die fatale Einführung von Aristolochia manshurensis als mu tong anstatt der bis dahin genutzten Clematis-Arten (siehe Zhu). Richtig ist auch die Fragwürdigkeit einiger, v.a. englisch-sprachiger Autoren, die Bücher in einer derartigen Frequenz publizieren, dass man sich fragt, ob sie in den letzten Jahren überhaupt noch einen Patienten zu Gesicht bekommen haben. Nicht richtig ist aber, dass fehlende chinesische Sprachkenntnisse automatisch schlechte oder oberflächliche Lehrbücher bedeuten (Warum würde dann ein deutscher Akupunktur-Atlas auf Chinesisch veröffentlicht werden sollen?). Ebenso wenig entspricht es den Tatsachen, dass die internationale und deutsche CM-Szene nicht hervorragende Autoren mit chinesischen Sprachkenntnissen aufweisen könnte (Ted Kaptschuk, Dan Bensky, Steven Clavey, Volker Scheid, Gunter Neeb, Dominique Hertzer u.v.a.m.). Die sicherlich wünschenswerte Forderung nach sinologisch fundiert ausgebildeten TCM-Praktizierenden und -Lehrerenden ist so realistisch wie die Forderung nach BAFöG-Unterstützung und Studiengebührenbefreiung für das Sinologie-Zweitstudium von Medizinstudenten. Aber diese Forderung erhebt Herr Professor natürlich gar nicht erst. Die Marxisten führt man lieber im Munde, wenn es darum geht, die TCM abzuwatschen, nicht aber bei der Bildungspolitik…
Was will aber nun Unschuld? Zurück zu einer Klassischen Chinesischen Medizin ohne westliche Einflüsse? Wo aber dann die Grenze setzen? Vor Maos Gleichschaltung in den 1950er Jahren? Aber bereits Chiang Kai-Shek wollte die Chinesische Medizin reformieren (1935 Gründung der Zentral-Universität für Chinesische Medizin, 1936 Verordnung über Chinesische Medizin) nachdem ein Gesetzesentwurf für ein Verbot 1926 an landesweiten Streiks(!) scheiterte. Ein ähnlicher Versuch war schon 1912 unter dem chinesischen Republikgründer Sun Yat-sen gescheitert. Ist dann das Ende der letzten kaiserlichen Dynastie (Qing-Dynastie 1645-1911) die magische Deadline? Doch dagegen sprechen viele die westliche mit der Chinesischen Medizin vereinende Werke aus dem 19. Jahrhundert: z.B. Tang Zonghai (1862-1918), 1882: “zhongxi huitong yishu wuzhong” (Fünf medizinische Werke über die Verbindung traditioneller chinesischer und westlicher Medizin), Zhu Peiwen, 1892: “huayang zangxiang yuezuan” (Die Kombination chinesischer und westlicher anatomischer Illustrationen), Zhang Zhenjun (1860-1933), 1889: “lizheng anmo yaoshu” (Revidierte Standards für Massagemanipulationen). Und 1881 eröffnet in Tianjin die erste chinesische Ausbildungsstätte für westliche Medizin. Nehmen wir dann die Zeit vor den Opiumkriegen, also vor 1839? Dagegen spricht, dass 1827 die erste westliche Arztpraxis in China eröffnet wurde und 1834 die erste westliche Klinik in China durch Dr. Peter Parker (1804-1888) in Kanton. So verwundert es nicht, dass 1830 Wang Qinren (1768-1831) im Jahr vor seinem Tod die verbotenen Leichenuntersuchungen für die chinesische Fachwelt veröffentlicht (”yilin gaicuo” (Fehlerkorrektur für Medizinische Kreise)). Und 1822 wird auf Geheiß des Kaisers Daogang (1782-1850) die Abteilung für Akupunktur und Moxibustion des Kaiserlichen Medizinamtes geschlossen (was möglicherweise zur Senkung der durchschnittlichen Lebenserwartung chinesischer Qing-Kaiser von 59 auf 38 Jahre geführt haben könnte). Wann man auch immer die Grenze ziehen möchte, es gibt immer ein Ereignis, welches mit (äußeren) Einflüssen die Chinesische Medizin veränderte (z.B. diverse Gleichschaltungen mit Bücherverbrennungen in der Chinesischen Medizin, die Einflüsse der buddhistischen Medizin z.B. auf die Tuina).
Die gegensätzliche Frage ist doch vielmehr: Ist eine scholastische, verkrustete Medizin wünschenswert, die sich nur auf einige wenige Alt-Werke beruft? Jahrhunderte kluger chinesischer Köpfe aussperren? Unsere eigene Medizingeschichte sagt uns, dass dies falsch wäre. Eine kritisch-freundschaftliche Auseinandersetzung mit den teilweise untereinander konträren Meinungen unserer chinesischen Kollegen, gemeinsame Kongresse, die zunehmenden Übersetzungen chinesischer Werke ins Deutsche und Englische, unermüdliches Weiterbilden und eigene Forschungen werden uns weiterbringen. Wenn wir die Chinesische Medizin zu irgendeinem Zeitpunkt einfrieren, wird es eine tote Medizin sein.
Übrigends: Eine Frage sollte sich jeder Einzelne beantworten: Ab welchen Zeitpunkt der chinesischen Medizingeschichte geht man GANZ BESONDERS VORSICHTIG mit Neuerungen in der Chinesischen Medizin um? Dabei sind Kenntnisse in der Chinesischen Medizingeschichte sehr hilfreich. Ich stütze mich dabei u.a. auf ein vergriffenes Buch von 1980. Das hat ein damals noch junger Autor namens Unschuld geschrieben: “Medizin in China - Eine Ideengeschichte”. Sehr empfehlenswert. Weit besser als das, was man heute so lesen muss…
Wo setze ich meine eigene Vorsichts-Grenze in der Chinesischen Medizingeschichte? Die Antwort ist “1911″. Und das sage ich auch meinen Patienten, wenn die es wissen wollen: http://klassische-chinesische-medizin.de
Ihr Dr. I. Hosbach
P.S.: Bitte beachten Sie auch die Diskussionsforen unter: http://de.groups.yahoo.com/group/tcm-deutsch/